22. März 2018 — 12. Mai 2018

Ausstellung

muche

dream

Einführung

Adrienne Braun
(Autorin & Journalistin)

Location

Kunsthaus Frölich

Vernissage

21. März 2018

Muche malt, zeichnet, sprayt, sie collagiert und klebt Materialen auf die Fläche. Um Raster aufzubringen, nutzt sie Lochbleche, selbst geschnittene Schablonen oder auch mal einen ausrangierten Duschvorleger.
Auch stilistisch lassen sich die Arbeiten von Muche nicht ohne weiteres kategorisieren und in eine Schublade stecken. Es gibt ornamentale Partien, Muster, Raster, Abstrahiertes wie fotografisch Präzises. Die Farben können laut, schrill und herausfordernd sein – oder lyrisch und leise.

Es gibt unverkennbar eine Nähe zur Street-Art, zu Graffiti und Comic. Fantasiegestalten tauchen auf, Monster, Tiere, Figuren, die zeichenhaft und reduziert sind und manchmal flankiert von Sprechblasen. Trotzdem ist Muche keine Graffiti- oder Streetart-Künstlerin im klassischen Sinne, sondern scheint eher das zu nutzen, was sie benötigt. Das können auch Elemente der Karikatur und Illustration sein. Aber es gibt auch Anklänge an die Pop Art oder an die Raster von Sigmar Polke. Manchmal meint man sogar, Jugendstilelemente zu entdecken oder finden sich Motive, die direkt von Fotografien übernommen wurden.
Muche ist eine Sammlerin, die Material, Farben, Formen zusammenträgt, Fotografien von Menschen, von Gesichtern. Deshalb kommt es gelegentlich zu Deja-Vue-Erlebnissen, weil Motive vertraut wirken. Man kann prominente Persönlichkeiten entdecken, Comichelden, den Papst, Mickey Mouse oder Marilyn Monroe. Entsprechend lässt sich konstatieren: Muche ist eine gegenständliche Malerin. Aber stimmt das tatsächlich in aller Konsequenz?
Schauen wir uns die Arbeiten genauer an. Ein formaler Aspekt zieht sich tatsächlich durch, sowohl bei den Skulpturen als auch den Gemälden und Papierarbeiten: Muche arbeitet an der Oberfläche. Das ist nicht selbstverständlich. Jahrhunderte lang rangen Künstler damit, malerisch in die Tiefe vorzustoßen. Es war eine der größten Errungenschaften der Kunst, die Perspektive zu entwickeln, Räume sozusagen nach hinten zu öffnen und damit im Grund die große, weite Welt ins Bild zu holen.
Muche ist von Haus aus Bühnenbildnerin, aber in Ihrer Malerei hat sie sich ganz und gar verabschiedet vom Raum. Sie bleibt in der Fläche, es ist eine dezidierte Oberflächenmalerei, als würden die Motive und Muster nachgerade darum buhlen, an vorderster Front zu stehen. Ob es Gesichter sind oder Frauenkörper, Adler, Totenköpfe oder Tierschädel, sämtliche Motive scheinen nach vorne zu drängen, dem Betrachter entgehen springen zu wollen. Alles buhlt hier um Aufmerksamkeit, will gesehen werden.
Muche überwindet die klassische Auffassung des Raumes, indem sie ihre Motive hierarchiefrei auf die Fläche gibt. Wir haben kein Vordergrund und Hintergrund, was ja immer auch mit Bedeutung konnotiert wird. Traditionell ist das relevante Motiv jenes, das sich präsent im Bildvordergrund befindet. Wir haben es auch nicht mehr mit Bedeutungsgröße zu tun, auch kleine Elemente bieten flächengreifenden Objekten mitunter Paroli, schieben sich kess vor sie. Muche enthierarchisiert den Bildraum zugunsten einer Bildfläche, bei der sich die Motive im Nebeneinander behaupten.
Mit dieser Ablösung vom illusionistischen Tiefenraum verabschiedet sich Muche zugleich von einer Malerei des Als-Ob. Es geht eben nicht mehr darum, etwas so darzustellen, als sei es real, als sei es das mimetische Abbild der sichtbaren Wirklichkeit. Natürlich können wir Gesichter ausmachen, Leiber, Figuren, Motive, die der Realität entnommen sind, aber die Bildelemente werden nicht erzählerisch in einen Dialog gebracht, sondern eher addiert, zusammengespannt, ohne eine immanente Logik vorzugaukeln. Der winkende Papst, der Hai, die riesigen Gesichter werden zwar kombiniert, aber es entsteht keine Einheit, die Malerin egalisiert ihre Motive nicht zugunsten einer geschlossenen Bildsprache. Vielmehr behalten die heterogenen Elemente ihren Charakter und verraten weiterhin ihre Herkunft.
So bleiben diese ganz unterschiedlichen Bildmotive autonom und bei sich, sie prallen aufeinander, ohne sich organisch zu verbinden. Die Formen werden nicht um der Harmonie willen vereinheitlicht, sondern in ihrem Zusammenspiel bleiben Widerstände und Reibungsfläche sichtbar.
Damit steht Muche in der Tradition zeitgenössischer Malerei, die sich stets als solche zu erkennen gibt. Schluss mit den Lügen, dem falschen Schein. Der Künstler versteht sich nicht länger als Chefmaschinist in einem gut geschmierten Illusionsapparat, sondern er legt die Strategien seiner Malerei offen. Muche verführt uns als Betrachter nicht, sondern konfrontiert uns. Bloß: Womit?
Die Künstlerin selbst behauptet, dass sie bei der Arbeit viele Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffe. Es ist also ein offener, nicht zielgerichteter Prozess. Auch inhaltlich geht es nicht um vorformulierte Botschaften. Diese Bilder beziehen keine Stellung, es wird keine These formuliert und argumentativ durchgespielt. Sie wachsen vielmehr im Arbeitsprozess, ein Motiv bringt das nächste hervor. Muche besitzt keinen Strategieplan, ihre Bilder entwickeln sich im Malen, im additivien Vorgehen, bei dem hier und dort Formen und Farben aufploppen, sich selbstständig machen, Sichtbarkeit beanspruchen.
Das ist, was nur die Malerei kann: dass wir ein Objekt oder Wesen erkennen, dabei haben wir es ja mit nichts als flüchtigen Farbflecken zu tun. Schnöde Punkte können Muster sein – oder aber eine gekräuselte Stirn darstellen. Wenn Muche auf ein Gesicht ein abstraktes Gitter aus breiten Strichen legt, so entsteht das Wunder der Malerei, das es möglich macht, die verschiedenen Motive gleichzeitig zu sehen, und doch die Bildebenen und Denkräume unterscheiden zu können. Die Malerei amalgamiert Körper und Objekte, und schafft damit neue Zusammenhänge jenseits der uns vertrauen Logik.

Es ist aberwitzig und immer wieder faszinierend, wie selbstverständlich wir in der Lage sind, die verschiedenen Bildelemente auszumachen, selbst wenn sie schwindelerregend miteinander verzahnt sind. Wir können zuordnen, welche Linie zu welchem Motiv gehört, wir wissen, was Raster und Struktur ist – und sehen doch alles im orchestralen Zusammenspiel.
Dabei ist es durchaus möglich, zu interpretieren. Es ist uns als Betrachtern unbenommen, Muches Motive in einen Dialog zu bringen. Es treibt uns sogar förmlich dazu, Bezüge zu erstellen, logische Zusammenhänge zu formulieren. Der lässige Macker mit Sonnenbrille und Bart und der Totenschädel lassen sich leicht als Memento mori lesen, als Symbol für Vergänglichkeit – warte nur, bald ruhest auch du.
Wenn wir eine Schar von Menschen sehen, flankiert von dem Text „Come in, we’re open“ und zugleich „Stop“, so liegt es auf der Hand, an die Flüchtlingsthematik zu denken und an den Papst, der die Fremden willkommen heißt. Aber selbst wenn sich feine Fäden zwischen den Bildelementen spinnen lassen, entziehen sich die Arbeiten von Muche in der Regel einer eindeutigen Lesart. Sie öffnen eher Denkräume, lassen Assoziationen zu, lösen Konnotationen und Stimmungen aus.
Wobei auch die Künstlerin immer wieder überrascht feststellt, dass sinnhafte Konfrontationen entstanden sind, sich vielleicht sogar vage Botschaften formulieren, wenn Kreuz, Apfel und Schlange aufeinandertreffen. Die eigentliche Herausforderung aber ist es, nicht nach Interpretationen zu suchen, nach einem Schlüssel, der Zugang zu einem logischen Denkkosmos verschafft und es ermöglicht, das Heterogene zu dechiffrieren. Natürlich wollen wir auch hier wieder festklopfen, benennen.
Aber so, wie die Oberflächen dieser Gemälde löchrig, durchlässig, fluid sind, so ist es letztlich die Übung, auch in der Rezeption Offenheit und Durchlässigkeit zuzulassen. Statt diese vagen Szenerien flugs in eine Schublade zu stopfen, ermöglicht Muche es uns, Fragen, Gedanken und Assoziationen entstehen zu lassen – um ihrer selbst willen. Ihre Arbeiten erweitern auf beiläufige Art unseren Horizont und geben uns eine Ahnung davon, dass es mehr gibt als das, was uns verlässlich und grundlegend erscheint.
Statt also schnell Halt zu suchen im Benennbaren, gibt diese Malerei uns die Chance, uns im abgesicherten Modus auf spielerische Weise damit zu konfrontieren, dass die Wirklichkeit nicht eindimensional und starr ist, sondern inhomogen, widersprüchlich und widerständig, greifbar, aber auch flüchtig, ansprechend und abweisend, logisch und surreal verrückt.
Im Grunde haben wir es mit Collagen zu tun, auch wenn hier gemalt ist, was früher mit Papier, Schere und Klebstoff auf dem Blatt vereint wurde. Muche kombiniert heterogene Elemente, sie verbindet Grafisches und Malerisches, Geometrisches und Gegenständliches. Eigene Schöpfungen reagieren auf fremdes, vorgefundenes Material. Muche ermuntert uns, uns zu öffnen für die Vielstimmigkeit der Motive, das Zusammenklingen des Verschiedenartigen.
Mit dieser Schule des Sehens befördert Muche uns sozusagen in eine neue Dimension, die wir nur schwer denken können. Aber diese Malerei lehrt uns: dass es diese erweiterten Räume jenseits unserer artig geordneten Kategorien gibt. Deshalb: Trauen Sie sich, wagen Sie es, einzutauchen in die flüchtigen, haltlosen Welten, in die Muche uns entführt. Lassen Sie sich treiben, und ich bin sicher, sobald die Furcht überwunden ist, wird sie ein wohliger Hauch Freiheit anwehen.

Arbeiten

Die Künstlerin

muche

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