Ausstellung

12. November 2020 — 20. Februar 2021

Verlängert bis 20. April 2021

Lebenselixier

Andreas Scholz

Vita Andreas Scholz – Arbeiten

Einführung

Wegen der aktuellen Corona Pandemie lesen Sie bitte den Text von Dr. Georg Leisten zur Einführung auf dieser Website

Location

Kunsthaus Frölich

Kurator

Gabriele & Utz
Frölich

Lauschige Lieblingsorte

Das Genre ‚Landschaft‘ steht im Fokus von Scholz‘ Schaffen. In der Natur erblickt sein kreatives Auge eine gewachsene Harmonie, deren visuelle wie atmosphärische Essenz sein Pinsel herausdestilliert. Dabei sind es nicht irgendwelche Orte, die wir auf seinen Bildern sehen. Es sind Lieblingsorte des Künstlers. Plätze, an die es ihn immer wieder hinzieht. Seien es lauschige Badestellen am Bodensee oder Allgäuer Wiesen, hinterfangen vom erhabenen Fernblau der Gipfel. Mit dem ganzen Erfahrungswissen seines nun auch schon 60 Jahre währenden Lebens vermittelt uns Andreas Scholz das Einzigartige einer Wirklichkeit, die in seinen Bildern zur Kunst wird. Was aber nicht heißt, dass er dem Betrachter ausschließlich seine Sichtweisen aufdrängt und aus der Wiedererkennbarkeit ein Korsett macht, das eine freie Assoziation verhindert. Realismus in der Malerei bedeutet mehr als die Abbildung von Realität.

Die Auswahl im Stuttgarter Kunsthaus Frölich widmet sich insbesondere den Bodensee-Veduten des Künstlers. Dass die Schau den Titel „Lebenselixier“ trägt, hat zwei Gründe: Zum einen sind das Wasser und seine Fließbewegungen die zentralen Stimmungsträger vieler Gemälde. Durch die tanzenden Reflexe der Sonne auf den Wellen oder die Spiegelungen der Uferzone kommuniziert die Wasseroberfläche mit dem gesamten Bildraum. Zum anderen spielt Scholz darauf an, dass das flüssige Nass aus dem Bodensee ein Lebensmittel von besonderer Reinheit darstellt. Sogar aus den Stuttgarter Leitungen sprudelt das ‚Lebenselixier‘ vom Schwäbischen Meer und verbindet so den Ausstellungsort mit der Wahlheimat des Malers.

Sich mit der Bildform Landschaft auseinanderzusetzen war noch nicht selbstverständlich im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts. Die Blut-und-Boden-Malerei der Nazis hatte den Blick auf die Natur vergiftet. Scholz gelang nicht mehr und nicht weniger als eine Geisteraustreibung. Er entdeckte in den Gebirgspanoramen der Alpen, dem Sattgrün der Bodenseeufer eine Ästhetik, die viel zu ursprünglich, viel zu wohltuend ist, um sie der Ideologie zu überlassen.

Wassergedanken

Kunsthistorische Rückendeckung geben ihm dabei nicht zuletzt die Maler der Schule von Barbizon, die später dem Impressionismus den Weg bereiteten. Sie kamen aus Paris, doch wie Scholz wendeten sie sich schon vor fast 200 Jahren vom Metropolenrummel ab. Die Natur betrachteten sie als intimen Ruheraum, nicht als Projektionsfläche für arkadische Sehnsüchte oder Heilserwartungen wie noch Klassizisten und Romantiker.

Bei den Barbizon-Vertretern hat Andreas Scholz den unverstellten Zugriff auf die Welt gelernt. Er lässt sich ein auf das, was vor ihm liegt, mag es zunächst auch unspektakulär erscheinen. Von den Impressionisten wiederum weiß er, dass derselbe Ort niemals der gleiche ist, so oft er ihn auch malt. Tageszeit, Wetter und Wellenbewegung verleihen zum Beispiel seiner bevorzugten Bodensee-Badestelle in jedem neuen Werk die Individualität des unwiderruflichen Augenblicks. Liegt darin nicht auch eine philosophische Dimension? Deutschlands bedeutendstes Binnengewässer wird bei Scholz zum Sinnbild für die Wandelbarkeit des Seins. Vergleichbare Wassergedanken beschäftigten bereits den griechischen Vorsokratiker Heraklit. „Wer in ein und denselben Fluss steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu.“

Die bei aller figürlichen Präzision über das Besondere hinausweisende Strahlkraft der malerischen Sujets stellt auch eine konzeptuelle Verbindung zwischen den Landschaften des Künstlers und seinen Stillleben dar. Im Unterschied zu den barocken Altmeistern dieser Gattung sind Scholz‘ Bilder nicht mit überquellenden Obstschalen, frisch geschossenem Wildbret oder wagenradgroßen Käselaiben vollgepackt. Im Gegenteil, streng und asketisch reiht sich Zitrone neben Zitrone, folgt Weinflasche auf Weinflasche. Worum es Scholz dabei geht, ist ein profanes Erntedankfest. Jede einzelne Frucht, die uns nährt, drückt eine Zufriedenheit mit dem Gegebenen aus. Auch das ist eine Feier der Natur.  Georg Leisten

Aktuelle Ausstellung

Stuttgarter Zeitung vom 10. Dezember 2020

Vita Andreas Scholz – Arbeiten